Die Welpen wurden 45 Tage alt und die letzten 10 Tage brechen an

Die Welpen wurden 45 Tage alt und die letzten 10 Tage brechen an

Wir beginnen den Morgen mit Futterstreuen im Garten und die Welpen suchen eifrig nach den im Gras liegenden kleinen Futterbrocken. Danach muss der Durst mit Wasser gelöscht werden. Sie haben das Wassertrinken bzw. die Wasserschüssel lieben gelernt.

Im Hinblick auf das einsetzende Gefahrenvermeidungsverhalten ist vor allem die Zeitspanne bis zum Ende der 6. LW unbedingt zu nutzen. Wir haben hier die Möglichkeit, eine Art Immunisierung gegen die Entwicklung von Ängsten aufzubauen. Der Staubsauger und der Fernseher werden wahrgenommen, genauso verschiedene Heimwerkergeräte, die wir beim Arbeiten in ihrer Umgebung benutzen.

Auch den Rasenmäher haben wir in einiger Entfernung während des Fütterns laufen lassen. Wenn die Welpen fressen, wird die freudige Erregung die bewusste Wahrnehmung der Geräusche zumindest ein wenig überlagern. Bis die Lautstärke soweit gesteigert werden kann, dass der Krach nicht mehr zu überhören ist, wurden sie durch die zuvor unbewusste Wahrnehmung schon zumindest mal daran gewöhnt. Im Idealfall kommt es sogar zu einer positiven Konditionierung.

Die Welpen sollten sich möglichst völlig unbeeindruckt von den Geräuschen zeigen bzw. sich nach plötzlich auftretenden Einzelgeräuschen sofort wieder entspannen. Optimal ist es auch, wenn sie sich dazu begleitend mit den verschiedensten Geräuschen selbst beschäftigen können in Form von Spielzeug wie Rasseln, einer mit Futter gefüllten PET-Flasche, Bällen aus Hartplastik, Klangspielen etc.

Wir gewöhnen die Welpen an alle möglichen Fahrzeuge wie Rollstuhl, Rollator, Bollerwagen, Fahrrad und viele Kinderfahrzeuge, indem wir damit zwischen ihnen herumfahren und sie bei Interesse auch beschnüffeln lassen.

Bei Gewittern oder anderen unangenehmen Dingen kümmert man sich am besten nicht darum, so dass sich die eigene Gelassenheit und die der anderen Rudelmitglieder auf den Vierbeiner übertragen.

Wir machen zusammen mit den Welpen und Hope kleinere Ausflüge zu immer neuen Zielen. In der Gemeinschaft mit den Geschwistern, ihrer Mutter und uns fühlen sie sich sicher. Beim Autofahren zum Ausflugsziel gewöhnen wir sie nebenbei an das Wackeln und Rütteln. Am Ziel angekommen füttern wir sie dort zuerst einmal. So verbinden sie den neuen Ort gleich positiv und lernen andererseits, in allen möglichen Situationen und Umgebungen Futter anzunehmen und sich dort auch zu lösen.

So suchen wir zum Beispiel zusammen mit den Welpen und Hope die Autobahn A81 auf, so lange, bis bei den Welpen ein Kontaktliegen stattfindet und sie eingeschlafen sind. Dann sind sie geprägt auf den Straßenverkehr.

Auch die Apfelbaumwiese neben der Bahntrasse ist ein interessanter Ort für die Welpen. Unbeeindruckt schlafen sie ein und fühlen sich von den vorbei fahrenden Zügen nicht gestört.

Bei der Gewöhnung an das Wasser haben wir ganz klein angefangen und suchen mit ihnen jetzt schon andere Gewässer wie die Umpfer auf. Morgen wollen wir mit ihnen an den Brombachsee fahren, wo wir sie schwimmen lassen wollen.

Die Welpen bei Wildhunden werden von ihrer Mutter auch immer wieder zu Plätzen mit neuen Herausforderungen gebracht. Finden sie sich im flachen Grasland zurecht, folgt ein Umzug an eine Stelle mit kleinen Hügeln und Gräben. Dort tappen sie z.B. in ein Erdloch und müssen sich wieder herausarbeiten. Kommen sie auch damit klar, geht es in felsiges Gebiet. Sogar gezieltes Verschleppen einzelner Welpen an einen vom Wurf entfernten Ort ist als Stresstraining zu beobachten.

Man gewinnt den Eindruck, die Wildhundeltern bringen ihren Nachwuchs gezielt in Situationen, in denen die bisherigen Verhaltensstrategien der Welpen zum Scheitern verurteilt sind. Ein Gefühl von Frustration ist dabei vorprogrammiert und der Motor des Lernens wird aktiviert. Löst sich der Frust durch eine Handlung in Erleichterung auf, hat der jeweilige Welpe eine wichtige Lernerfahrung gemacht.

Die Natur hat es offenbar so eingerichtet, dass ein Wechselspiel aus Neugier, Annäherung und Vermeidung sowie aus Herausforderung, Frustration und Erleichterung das Lernen und die Verhaltensentwicklung bestimmt. Das Aufwachsen in einer immer gleichen Umgebung ist unnatürlich, denn diese bietet zu wenige Möglichkeiten zur Exploration und Sozialisation.

Eine solche notwendige emotionale Abhärtung ist also in reizarmen Aufzuchtstätten nicht möglich. Keine Frustrations- und Erleichterungsgefühle zu erleben bedeutet, keine Problemlösestrategien entwickeln zu können. Die Angst vor Veränderungen und neuen Situationen ist die Folge.

In einer harmonischen Hundegemeinschaft darf, unabhängig vom sozialen Status des Einzelnen, die Beute verteidigt werden und dies wird anerkannt und respektiert. In sog. Sammelgruppen ist dies nicht der Fall. Es ist deshalb ein sehr unhundliches Verhalten, wenn unser Hund seine Beute an uns jederzeit abgeben muss.

Der Welpe muss etwa bis zur 6. LW warten, bis er, wie die Großen, seitlich Fleischstücke abbeißen kann und in die Lage kommt, härtere Nahrungsteile wie etwa Knorpel zu verarbeiten. Bis dahin muss er sich mit den Schneidezähnen begnügen, die eine Zange bilden und sehr gut geeignet sind, Fleisch, das mit den Pfoten gehalten wird, abzuzupfen.

Die Zufütterung von fester Nahrung in Form von Hackfleisch setzte ja bereits ein, aber die Welpen sollen auch an unterschiedliche Nahrungsmittel gewöhnt werden. Wir geben ihnen Wasser und Ziegenmilch zum Trinken und füttern Welpenfutter in Trockenform, eingeweicht oder auch in Dosen, Pansen, Blättermagen, Fleisch von Rind, Kalb und Reh sowie Quark und Hüttenkäse, aber auch Reis und Obst.

Je mehr Situationen der Welpe kennen lernt, aber auch, je öfter er seine Angst zu überwinden lernt und das Hochgefühl verspürt, das ihn nach einer solchen bestandenen Mutprobe befällt, desto mehr wird sein Selbstbewusstsein gestärkt. Der Welpe wird selbstsicher, weil er lernt, mit Dingen richtig umzugehen.

Ein in sich gefestigter Hund wird in seinem Leben auch Belastungen, die man nicht steuern kann, wie z.B. eine längere Abwesenheit seines Herrchens im Krankenhaus, seelisch besser wegstecken, als ein Hund, dessen Lebensgrundgefühl von zumindest latenter Angst geprägt ist.

Den Welpen/Junghund jeden Tag 10 Minuten lang anfassen, überall berühren, hochheben, an der Rute ziehen, bürsten, Tierarzt spielen, Ohren und Zähne anschauen. Nicht das weg lassen, was der Hund nicht möchte. Wir und unser Tierarzt müssen ihn überall berühren können.

Das Eingreifen in natürliche aggressive Auseinandersetzungen unterbindet das notwendige soziale Lernen und ist daher kontraproduktiv. Nur in seltenen Ausnahmefällen kann ein Eingreifen notwendig werden, wenn z.B. der unterlegene Welpe wirklich nicht mehr in der Lage ist, die Situation aus eigenem Vermögen zu bewältigen. Sichtbar wird dies, wenn der betreffende Welpe gehäuft und intensiv Konfliktreaktionen zeigt. Überhöhte Aggressivität kann durch unbegrenztes gewähren lassen genauso entstehen wie durch häufiges oder ständiges Unterdrücken des natürlichen Durchsetzungsbestrebens.

Artgemäße Disziplinierungsmaßnahmen sind der „Über-den-Fang-Griff“, das „Auf-den-Rücken-Drehen“ oder der Nackengriff.

Im Rollenspiel wird auch immer wieder verlieren können gelernt. Denn Verlieren können erfordert nicht nur im Falle des Hundes eine gewisse Stärke. Es verhindert das Wachsen unnötiger Ängste und damit das Entwickeln unangemessener Aggressionsbereitschaft. Wurden die Welpen im Verlauf ihrer Entwicklung immer aktiver und aufmüpfiger mussten sie die Erfahrung machen, dass die Mutter sie blitzschnell am Nackenfell gepackt und auf den Rücken gedreht hatte. Sie lernen dabei auch, dass sie eine zugespitzte Situation durch die Rückenlage beenden können.

Nackenfellschütteln tritt allgemein mehr unter Welpen auf. Sie zeigen es vor allem im Verlauf sozialer Auseinandersetzungen. Eberhard Trumler hat den Griff in das Nackenfell und das Nackenfellschütteln als wirkungsvolle Disziplinierungsmaßnahme empfohlen. Es muss jedoch das Nackenfell geschüttelt werden und nicht der Hund, so dass es nichts mit dem Totschütteln zu tun hat.

Gemeinsames Spielen, Erkunden und Erleben sind Wegbereiter für den Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Hund und Mensch. Dabei lässt vor allem gemeinsame Aufmerksamkeit soziale Resonanz, also gefühlsmäßig verbindenden Gleichklang entstehen. Leider haben sich aber auch Vorstellungen und Methoden im Umgang mit den Welpen entwickelt, die am eigentlichen Sinn einer wohlüberlegten und zielgerichteten Verhaltensentwicklung vorbeigehen. Oft artet dies in Welpendressur oder gar in einen Frühförderungswahn aus. Dabei bleibt das auf der Strecke, woraus es wirklich ankommt: Die Entwicklung eines sicheren Wesens.

Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Hunde von Welpenbeinen an richtig auf den Weg bringen. Dazu gehört z.B. auch die Einsicht, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu verlangen oder gar falsch verstandene Frühförderung erzwingen zu wollen. Ohne äußeren Zwang muss es dem Welpen möglich sein, Herausforderungen eigenaktiv anzunehmen oder diesen noch mit Zurückhaltung zu begegnen.

Überbehütung ist meistens daran erkennbar, dass der Fürsorgegarant dem heranwachsenden Hund häufig Aufgaben und Herausforderungen abnimmt, die er selber tun könnte, oder sich in Bewältigungsvorgänge unnötig einmischt. Für die psychische Entwicklung eines jungen Organismus ist es von grundlegender Bedeutung, neue Situationen und Herausforderungen aus eigenem Antrieb zu bewältigen, um daran lernen und wachsen zu können. Nur so kann ein Lebewesen Selbstsicherheit und schließlich Selbständigkeit entwickeln. Wir müssen ihnen deshalb das Leben zutrauen, ihnen entsprechende Lernsituationen ermöglichen und dabei kalkulierbare Risiken eingehen.

Falsch verstandene Fürsorge im Sinne einer unangemessenen Besorgtheit kann dagegen zu einer erlernten Hilflosigkeit führen. Kann ein heranwachsendes Lebewesen nicht selbständig herausfinden und lernen, wovor es Angst haben muss und wovor nicht, gerät es in ein Abhängigkeitsverhältnis, das beide Seiten gleichermaßen belastet und den Hund lebensuntüchtig macht. Oftmals ist eine frühe Überbehütung im Welpenalter die unverstandene Ursache späterer Überforderung.

Folgende Beobachtung hat uns dies sehr anschaulich gezeigt: Wir haben mit unserem Wurf über eine Holzdiele die Schüpfbach überquert, da waren sie so 6-7 LW alt. Sie drängelten und schubsten sich, so dass einige in den kleinen Bachlauf fielen und jämmerlich schrien. Wir dachten, dass wir sie vor dem Ertrinken retten müssen, stellten jedoch fest, dass die Mutterhündin Inci am anderen Ufer nur wartete und nichts unternahm. Also warteten auch wir schweren Herzens und was geschah: Die Welpen hörten auf zu schreien, suchten sich einen Weg aus dem Wasser und folgten ihrer Mutter am anderen Ufer. Sie hatten dadurch sehr viel gelernt und wir auch.

Eine Überforderung entsteht dann, wenn ein Hund körperlichen oder psychischen Belastungen gegenüber steht, die er aufgrund seines augenblicklichen Leistungsvermögens nicht bewältigen kann. Sie ist von Stressreaktionen, Konfliktreaktionen und Erregungszuständen begleitet.

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